21. Februar 2018
Immersive Reality im Sensoriklabor - Eine Vision wird Realität

isi nutzt Immersive Context in der Sensorikforschung. Damit erweitert das Unternehmen seine Angebotspalette und liefert Kunden differenziertere Erkenntnisse über das Verbraucherverhalten. Das macht den Entwicklungsprozess effizienter und kann Zeit und Geld sparen.

Das Wohnzimmer im Labor

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Für den Test einer neuen Eissorte simulierte isi ein Wohnzimmer, mit Requisiten, Stellwänden und Screen, inklusive laufendem Fernseher.

Neue Techniken erlauben es, Verbraucher in einem Produkttest variabel in eine passende Umgebung eintauchen zu lassen. Dieser mithilfe von Computerprogrammen, Requisiten und Monitoren erschaffene Immersive Context verändert die sensorische Forschung. „Damit wird ein seit langem eingeforderter Anspruch an die sensorische Forschung eingelöst“, betont Robert Möslein, Managing Direktor bei isi, dem Institut für Sensorikforschung und Innovationsberatung mit Sitz in Göttingen. „Wir können nun Produkte in verschiedenen Kontexten testen und trotzdem gewährleisten, dass die Produkte standardisiert und vergleichbar bleiben.“

Ein Beispiel: Ein Hersteller möchte wissen, wie eine neue Eis-Sorte beim Verbraucher ankommt. Traditionell werden dafür Produkttester gebeten, im Sensoriklabor Eis zu kosten und mit einem anderen Produkt zu vergleichen. Dieser Ansatz birgt jedoch ein Problem: Das Laborumfeld bildet nicht die Situation ab, in der normalerweise das Eis gegessen wird – etwa im Wohnzimmer oder am Strand. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat jedoch gezeigt, dass die Einschätzung eines Produktes stark vom Umfeld abhängt, in dem das Produkt konsumiert wird. „Erst in der passenden Situation wird der Verbraucher in die entsprechende Stimmung versetzt, und entwickelt spezifische Erwartungen an das Produkt“, erklärt Möslein.  

Aus diesem Grund haben Marktforscher auch immer wieder die Tests im Labor kritisiert. Sie seien einfach nicht realistisch genug, es fehle an externer Validität. Die Sensorikforscher hielten jedoch dagegen: Testet man ein Produkt am passenden Ort, beispielsweise in einer Bar oder im Waschsalon, lässt sich nicht gewährleisten, dass das Produkt bei allen Tests einheitlich dargeboten wird, etwa mit der gleichen Temperatur und unter den gleichen Lichtverhältnissen. Ohne diese Standardisierung seien aber kaum aussagekräftigen Analysen möglich. Es mangele, so die Sensoriker, an interner Validität.

Zwei Welten treffen sich

In den letzten Jahren sind sich Sensorikforscher und Marktforscher jedoch nähergekommen, lassen sich interne und externe Validität besser verknüpfen. Die Sensoriker holten immer mehr Kontext ins Labor. So wurden beispielsweise Produkttester gebeten, sich eine bestimmte zum Produkt passende Situation auszumalen, etwa eine Bar, wenn ein Bier verkostet wurde. Oder die Forscher baten die Tester, bei der Verkostung auf einen Bildschirm mit einer Barszene zu schauen. Die ersten Schritte waren also gemacht, doch das ging den Marktforschern immer noch nicht weit genug: Wie sollen wir wissen, ob das im Labor bevorzugte Produkt dann auch tatsächlich abends im Wohnzimmer immer noch besser als das Produkt des Wettbewerbers abschneidet?

Die Lösung zeichnete sich erstmals vor rund fünf Jahren ab und neue Technik spielt dabei eine große Rolle. Virtuelle Realität (VR) und Immersive Realität (IR)* erlauben es, einen Menschen per Brille oder mithilfe großer Bildschirme in eine andere Welt zu versetzen. Programmierer erschaffen am Computer dreidimensionale Welten, die per Mausklick und je nach Anforderungen ein schlichtes Labor in eine Strandbar oder ein Badezimmer verwandeln. Die Technik ist in den letzten Jahren immer erschwinglicher geworden und die Sensorikforscher begannen, VR und IR in ersten experimentellen Studien einzusetzen – mit Erfolg.

Feineres Werkzeug

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Soll es etwas edler sein? Für einen Produkttest ließ isi dieses virtuelle Wohnzimmer für die VR-Brille erstellen.

„Tatsächlich zeigen die Ergebnisse, dass VR und IR differenziertere und für manche Produkte bessere Aussagen liefern als traditionelle Sensoriktests“, fasst Robert Möslein zusammen. Das heißt nicht, dass Produkttests im Labor oder beim Verbraucher zuhause überflüssig sind. Es heißt, dass für manche Produkte und manche Fragestellungen VR und IR besonders gut geeignet sind. „Sie gehören jetzt zum Instrumentenkoffer jedes innovativen Sensorikunternehmens“, sagt Möslein. Das gilt vor allem für Produkte, deren Verzehr stark mit einem bestimmten Kontext verbunden ist, etwa einem Restaurant, Wohnzimmer oder einer Bar.

Das oben erwähnte Beispiel einer neuen Eissorte verdeutlicht die Entwicklung. Im Auftrag eines Kunden baten Robert Möslein und Kollegen Verbraucher im Labor zwei Eissorten zu vergleichen. Den Testern schmeckten beide Sorten gleich gut. Daraufhin wiederholte das isi-Team den Test in einem Immersive Context. Dafür ließen sie die Produkttester in einem gemütlichen Sessel platznehmen und projizierten eine Wohnzimmerszene auf einen wandfüllenden Monitor. Weitere Requisiten wie ein laufender Fernseher, ein Teppich und gedämpftes Licht machten die Atmosphäre komplett. In dieser Umgebung kürten die Tester nun einen klaren Sieger: das Eis des Mittbewerbers. Es schmeckte nun deutlich cremiger und reichhaltiger. „Offensichtlich führte der passende simulierte Kontext dazu, dass die Konsumenten konkretere Anforderungen an das Eis haben und die eine Probe gegenüber der anderen bevorzugten“, erläutert Möslein. Das Fazit für den Kunden: Damit das Eis auch im Wohnzimmer überzeugt, muss es sich sensorisch noch stärker vom Mittbewerber abheben.

Wo geht es hier zum Holo-Deck?

Für Robert Möslein ist der Einsatz von VR oder Immersive Reality eine Route, die Produktentwicklungen und Produktoptimierungen effizienter machen kann. In der Regel wird zum Ende der Entwicklung ein finaler Test der Marktforschung durchgeführt. Die Verantwortlichen erkennen vielleicht, dass das Produkt doch nicht ganz den Erwartungen der Kunden entspricht, dann muss nachtjustiert werden. „Mithilfe von VR und IR können wir die Marktforscher schon früher in den Prozess einbinden“, erklärt Möslein. Sensorikforscher und Marktforscher begegnen sich quasi schon im Labor. Dort kann, je nach den Ideen der Marktforscher, bereits frühzeitig an Stellschrauben gedreht werden, etwa der Kontext – Wohnzimmer, Eisdiele, Strand – angepasst werden. Dazu ist keine aufwändige neue Inneneinrichtung nötig, sondern nur eine Änderung im Computerprogramm. „So wird dafür gesorgt, dass die Gesamtkosten des Entwicklungsprozesses sinken können“, erklärt Möslein.

Die Immersive-Methoden warten zudem mit einem positiven Nebeneffekt auf. Die Produkttester fühlen sich, das haben isi-Untersuchungen gezeigt, stärker in den Test involviert und ihnen vergeht die Zeit schneller als in traditionellen Labortests. Das ist gut für die Test-Ergebnisse und macht es einfacher, eine größere Zahl von Produkttestern zu gewinnen. Im isi-eigenen Immersive-Labor in Hamburg besteht daher auch kein Mangel an freiwilligen Testern. „IR und VR halten gerade Einzug in den Alltag der Menschen“, sagt Möslein. „Bei uns sind sie bereits seit mehreren Jahren fester Bestandteil unseres Sensoriklabors. Die Methoden können wir zudem auch problemlos in anderen Ländern einsetzen.“

 

 

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*Unterschied Immersive und Virtual Reality

Die beiden Begriffe werden häufig synonym verwendet, unterscheiden sich jedoch. In einer Immersive Reality wird mithilfe von großen Bildschirmen und einigen Requisiten eine Umgebung, etwa ein Wohnzimmer simuliert. Der Vorteil: Im Vergleich zur Virtual Reality kann der Produkttester mit seiner Umwelt interagieren, etwa von einem Teller essen und den Teller dabei sehen oder einen Fragebogen ausfüllen. In der Virtual Reality betrachtet der Produkttester eine simulierte Umgebung durch eine VR-Brille. Wird er nun beispielsweise gebeten, ein Eis zu verkosten, kann er dabei das Eis in der Regel nicht sehen. Es gibt inzwischen jedoch auch Brillen, die es ermöglichen, teilweise durch die VR-Brille hindurchzusehen.

 

Fotocredits:

isi Archiv

 

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