07. August 2020
Im Überblick: Konsumententests & Corona

„Was wir aus der Krise gelernt haben? Dass wir praktisch alle Konsumententests aus dem Labor in das Zuhause der Testenden verlagern können“, erklärt Sven Henneberg, isi Senior Manager, der am isi-Standort in München arbeitet. So erwies sich die Corona-Krise als Inkubator für neue Ideen. Für den Übergang vom Labor ins Wohnzimmer waren jedoch auch einige Hürden zu meistern.

Den Labortest nach Hause bringen

Sven Henneberg berichtet, wie selbst herausfordernde Produkte – etwa gefrorene Gemüseburger ­– vom Hersteller auf den Esstisch der Testpersonen gelangten. Die Analysen weisen zudem darauf hin, dass die Ergebnisse zwischen Labor und Wohnzimmer vergleichbar sind. Inzwischen finden die meisten Konsumententests wieder regulär in den Laboren statt. Die Erfahrungen der letzten Woche nutzt das isi-Team für zukünftige Projekte. Home-Tests sind unabhängig von der Corona-Krise wichtiger Teil der Konsumentenforschung. Durch die Krise hat sich ihre Bedeutung noch verstärkt.

 

 

 

 

Interview mit Sven Henneberg, isi Senior Manager, München (Lesezeit: sieben Minuten)

Sven, wann habt ihr bei isi die Labore geschlossen?

Sofort als am 16. März 2020 die Vorgabe der Bundesregierung kam, haben wir alle unsere Konsumententests im Labor eingestellt. Da dieser Schritt absehbar gewesen war, waren wir nicht ganz unvorbereitet. Wir haben große Erfahrung mit Home Use Tests. Wir haben uns daher sofort überlegt, wie wir die Projekte unserer Kunden, die für das Labor geplant waren, in das Zuhause der Testpersonen verlegen konnten.

War es denn für eure Kunden so dringend, die Projekte weiterzuführen?

Für manche ja, zum Beispiel, wenn sie eine strenge Timeline für die Einführung eines neuen Produkts einhalten mussten. Von anderen wiederum kam die Rückmeldung, dass sie lieber warten wollten, bis die Krise vorüber ist. Hinzu kamen auch noch neue Kunden, die sich etwa aufgrund der Corona-Einschränkungen nach alternativen Testmöglichkeiten umsahen und bei uns fündig wurden. Wir hatten also alle Hände voll zu tun. Dabei ging es zunächst vor allem darum, die Kunden ausführlich zu beraten. 

Worin unterscheiden sich Konsumententests im Labor und Zuhause?

Sie beantworten unterschiedliche Fragestellungen. Der Test im Labor, der sogenannten Central Location Test (CLT), ist dazu da, unter standardisierten Bedingungen Erkenntnisse über Produkte zu gewinnen. Beispielweise vergleichen die eingeladenen Testpersonen Variationen eines Tomaten-Ketchups und bewerten die Farbe, die Konsistenz, den Geschmack und vieles mehr. In der Regel erfolgt der Test einmalig über einen begrenzten Zeitraum, zum Beispiel eine Stunde. Die Produkte werden von unserem isi-Team in genau abgemessenen Portionen dargereicht. Die Ergebnisse sagen uns und unseren Kunden zum Beispiel zu Beginn einer Produktneuentwicklung in welche Richtung sich das Produkt entwickeln muss, um bei den Konsumierenden gut anzukommen. Schneidet etwa die Ketchup-Variante mit mehr Curry etwas besser ab, dann weiß das Herstellungsteam in welche Richtung sich das Rezept entwickeln muss.

Der Test zuhause bei den Konsumierenden, also der Home Use Test (HUT), kommt dagegen eher in einer späteren Phase der Produktentwicklung. Möglicherweise sind drei Top-Produktvariante bereits gefunden und es geht noch um die Frage, welche der Varianten im Alltag am besten überzeugt. Dann nutzt die Testperson die verschiedenen Ketchups über einen längeren Zeitraum, etwa mehrere Wochen, so wie ein reguläres Produkt, etwa für einen Burger oder zum Grillwürstchen. Die Standardisierung von Licht, Temperatur, Zeit spielt dann keine zentrale Rolle mehr. Die Ergebnisse zeigen möglicherweise, dass die Testperson im Labor zwar die intensivere Variante bevorzugt, im Alltag aber die weniger intensive. Mit diesen Ergebnissen kann sich der Hersteller dann an die finale Rezeptur machen.

Grundsätzlich ist es meiner Meinung nach sinnvoll, Produkte auch mal zuhause zu testen. Es kommt beispielsweise öfter vor als man denkt, dass Menschen durch ihre Zubereitungsweise alle feinen Unterschiede zwischen zwei Produktvarianten zunichtemachen. Der Klassiker ist die Tiefkühlpizza. Mancher lässt jede Pizza solange im Ofen, bis sie unten und oben dunkelbraun ist. Dann spielt das Aroma der Tomatenstückchen keine Rolle mehr. Auch wenn ein Hersteller plant, ein altes gegen ein neues Produkt auszutauschen ist es sinnvoll, einen Konsumententest mit Home-Zubereitung durchführen zu lassen.

 

 

Wohnzimmer versus Labor. Die Umgebungen unterscheiden sich, die Ergebnisse nicht.

Während der Corona-Zeit habt ihr für die laufenden Projekte keinen klassischen Home Use Test durchgeführt, sondern einen Labortest nach Hause gebracht?

Genau. Wir haben unsere Testpersonen gebeten, sich zuhause, meist im Wohnzimmer, eine Art Testlabor einzurichten. Die Teilnehmenden haben uns auch Fotos geschickt, wie es dort aussieht und so haben wir einen guten Eindruck bekommen, in welcher Umgebung die Tests stattfanden. Die Fotos zeigen, mit wieviel Aufmerksamkeit sich die Testpersonen ihren Test-Ort hergerichtet haben. Wir haben während der ganzen Zeit einen täglichen Newsflash auf LinkedIn und Facebook veröffentlicht und an Interessierte einen Newsletter verschickt. So haben wir transparent vermittelt, wie wir unsere Arbeit an die neue Situation anpassen.

Haben die Testpersonen den Wechsel so ohne weiteres angenommen?

Ja, das hat verschiedene Gründe. Einerseits waren sie durch den teilweisen Lockdown sowieso viel zuhause, möglicherweise etwas gelangweilt und haben sich daher gefreut, etwas von zuhause aus tun zu können. Andererseits erhalten sie eine Aufwandsentschädigung, was so einen Test attraktiv macht. Für den Fall, dass Teilnehmende während des Tests doch noch abspringen, haben wir 40% mehr Personen rekrutiert als für einen klassischen Labortest.

Nun zu den Produkten. Wie habt ihr die normalerweise fein abgewogenen Produktproben zu den Testpersonen gebracht?

Das war eine der größten Herausforderungen für uns. Einer unserer ersten In Home Tests fand mit Limonaden statt. Das Produkt war bereits in kleine verblindete Flaschen abgefüllt. Wir brauchten die Flaschen also nur weiterschicken. Auch Schokolade, Dosengemüse und Katzenfutter eigenen sich gut. Schwieriger wurde es beispielsweise bei Milchprodukten, Eis und Tiefkühlware. Doch wir haben für jeden Fall eine Lösung gefunden. Oft hat beispielsweise einer unserer Mitarbeitenden im Labor die Produkte abgewogen, abgepackt, codiert, dann übernahm ein Paketdienst das Versenden und die Testpersonen wurden gebeten, das Produkt sofort nach der Annahme zu kühlen.

Wurden dann auch Löffel und Gläser für die Verkostung mitgeschickt?

Nein, das haben die Testpersonen aus ihrer eigenen Küche besorgt. Damit und mit der Tatsache, dass wir Licht, Uhrzeit, Luftfeuchtigkeit, Hintergrundgeräusche und Temperatur nicht beeinflussen konnten, haben wir natürlich die Kontrolle zu einem gewissen Teil abgeben müssen. Aber das war der Preis für die Flexibilität. Unsere Analysen zeigen jedoch, dass das an den Ergebnissen nichts geändert hat.

Bei einem Central Location Test übernehmt ihr die Einweisung der Testpersonen und könnt direkt auf Fragen während des Testens antworten. Zuhause müssen sich die Testpersonen mühsam die Erklärungen durchlesen. Kommt es da nicht zu Fehlern in der Testdurchführung?

Dieser Herausforderung sind wir auf drei Arten begegnet, gute Kommunikation, individuelle Unterstützung und Kontrolle. Einmal haben wir lange an den Begleitbriefen gefeilt, so dass die Testanweisungen übersichtlich, verständlich und an die Situation zuhause angepasst war. Dann hatten wir für die Testpersonen einen direkten isi-Ansprechpartner, der auf Fragen zum Beispiel per E-Mail geantwortet hat. Dann konnten wir auch live in der Datenbank sehen, wer wo steht und uns so versichern, dass die einzelnen Schritte im Test nach Plan abgearbeitet wurden. Unsere Erfahrungen zeigen immer wieder, dass die Compliance der Testpersonen nicht das Problem ist. Der kritische Punkt ist vielmehr der Versand der Produkte.

Normalerweise bereitet das isi Laborteam die Proben vor. Das mussten nun in manchen Fällen, die Konsumenten selbst übernehmen.

Während der Corona-Zeit waren die Paketdienste nicht immer zuverlässig. Wie habt ihr sichergestellt, dass der gefrorene Gemüseburger nicht erst nach zwei Wochen und aufgetaut bei den Testpersonen ankommt?

Das Problem war uns bewusst. Gemeinsam mit unserem Kunden haben wir etwa im Fall des Gemüseburgers entschieden, dass ein unternehmensinterner Logistikdienst die Verteilung der Produkte übernimmt. So war die Kühlkette gesichert und die Lieferung bis zur Haustür garantiert, übrigens über Ländergrenzen hinweg. Die Testperson hat das Produkt dann an der Tür entgegengenommen, bis zur Verkostung tiefgekühlt, vor dem Test aufgetaut und schließlich knapp zehn Minuten in der Pfanne gebrutzelt. Das sind die Handgriffe, die normalerweise unser Laborteam übernimmt. Wir haben die Testpersonen gebeten, uns Fotos von ihrem Test zu schicken und hatten jederzeit engen Kontakt zu ihnen. Der Test lief täglich über zwei Wochen lang und es hat alles einwandfrei funktioniert. In der Anfangsphase hatten wir noch mit anderen Ideen für den Transport gespielt – von Kühlakkus bis Trockeneis. Es ist wichtig, offen zu sein und alle Optionen mal durchzudenken.

Dieser Aufwand verteuert doch sicher die Konsumententests?

In diesem Falle ja. Wir sind trotzdem im Budget geblieben, weil wir die Testfragen in Absprache mit dem Kunden etwas reduziert haben. In anderen Fällen kann ein In Home Test aber auch günstiger sein. Es kommt immer auf das Produkt und die Fragestellung an. In Home Tests erfordern in der Regel mehr Beratungsarbeit, da Kunden und Testpersonen Informationsbedarf haben.

Eine Frage, die euch Kunden vermutlich oft gestellt haben: Wie konntet ihr euch sicher sein, dass die Ergebnisse der In Home Tests ebenso verlässlich sind wie die der Central Location Tests?

Wir haben so große Erfahrung in der Konsumentenforschung, dass wir davon ausgegangen sind, dass die Ergebnisse vergleichbar sind. Große Akzeptanzunterschiede lassen sich sicherlich mit beiden Testmethoden gleich gut finden. Jedoch benötigen wir in einem Home Use Test eine größere Fallzahl, müssen also mehr Testpersonen befragen als in einem CLT. Oder anders gesagt, bei gleicher Fallzahl messen wir in einem CLT genauer, da wir aufgrund der kontrollierten Testbedingungen die Störungen minimieren indem.

Seid ihr auch irgendwo an eure Grenzen gestoßen?

In der praktischen Arbeit haben wir eigentlich immer eine Lösung gefunden. Auch wenn das jetzt kitschig klingt, aber das hat damit zu tun, dass wir als Team gut zusammenarbeiten. Durch das Vertrauen untereinander ist die große Flexibilität erst möglich geworden. Hätte mir jemand vor Corona gesagt, was wir alles in kürzester Zeit an neuen Prozessen auf die Beine stellten, hätte ich das kaum geglaubt. Die Erfahrung nehme ich mit für weitere Projekte. Allerdings haben wir auch alle intensiv gearbeitet und ehrlich gesagt, freue ich mich dieses Jahr ganz besonders auf meinen Sommerurlaub und die Erholung. Jetzt, wo wir wieder im Labor testen können, haben wir zudem eine Reihe von Projekten, die vom März in die zweite Jahreshälfte verlegt worden sind. Eine Corona-bedingte Ruhepause gab es bei uns also nicht.

Wohin geht es im Urlaub?

Mit der Familie an die Ostsee. Da lasse ich mir den Wind um die Nase wehen und kann abschalten. Vielleicht komme ich auch auf ein, zwei neue Forschungsideen. Der Corona-bedingte Einschnitt hat viel durcheinandergewirbelt, die so entstandenen guten Ansätze möchte ich persönlich und beruflich mit in die Zukunft nehmen.

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Lassen Sie sich in diesem Video von Sven Henneberg kurz erklären, mit welchen Maßnahmen isi die Konsumententests trotz Corona-Krise erfolgreich weiterführte.

 

Fotos: isi archive, header photo (laptop): leone-venter/unsplash.com

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